Joe


29. Oktober 2015. Heute gibt es einmal etwas völlig anderes: Eine Geschichte. Sie hört auf den Namen „Joe“ und hat mit der Vorfreude auf Halloween zu tun. Um euch einzustimmen. 

Die Tage werden kürzer.

Der Wind rauscht durch das fahle Laub.

Dumpf werden die Schritte.

Genug der Einstimmung. Es geht los…

Joe – Eine Halloweengeschichte mit, aber keineswegs von Woody Allen

Ein Ahornblatt trudelte herab und segelte auf Woody`s Schulter. Hastig wischte er es von seinem Mantel. Er sah lieber zu, daß er nach Hause kam.

Es war ein wunderschöner Herbstnachmittag und er hasste die. Nervös und gedankenverloren marschierte er durch die Straßen. Unter den Arm geklemmt: Eine Schallplatte. Wie war er zu diesem Besitz gekommen?

Sein Therapeut hatte sie ihm gegeben. Sein Therapeut, diesen Monat war es Berkowitz, war es leid, sich ständig Woody`s wirre Komplexe anzuhören. Das erweckt den Anschein, daß er kein sehr guter Therapeut war, nicht? Doch, war er. Er hatte sogar ein paar Auszeichnungen.

Man muß eben wissen, daß Woody´s Komplexe sich im Herbst traditionsgemäß um den Tod drehten. Nicht um die üblichen Sachen, wie: Was wird sein, wenn ich tot bin? Nein. Eher: Wie teuer ist ein Telefonat aus dem Jenseits? Sowas in der Art.

Und da sein Patient sich beharrlich weigerte, das Leben als etwas Schönes anzuerkennen und seine Gedanken sich zusehends in wirren Theorien über den Alltag des Todes drehten, hatte er ihm eine Langspielschallplatte in die Hand gedrückt, ihm ein schönes Leben sowie ein gedecktes Konto gewünscht (denn er war nicht ganz billig) und ihn zur Praxistür geleitet. Seine Abschiedsworte waren ungefähr: „Mr. Allen, ich kann Ihnen nicht helfen und ich sehe es als eine Verschwendung Ihres Geldes und meiner Zeit an, die Therapie fortzusetzen. All Ihre Fragen zum Tod, soviel kann ich wohl sagen, werden beantwortet, wenn Sie sich diese Schallplatte anhören. Guten Tag. Und…Kopf hoch.“

Eine halbe Stunde lang hatte Berkowitz, wahrscheinlich ohne es zu ahnen, Woody davon geheilt, sich unentwegt Gedanken über den Tod zu machen. Denn er war auf eine verzweifelte Weise beeindruckt von der Offenheit des Psychotherapeuten. Vielmehr drehten sich seine Gedanken nun um folgende, quälende Frage: Wie schlimm mußte es um ihn stehen, wenn dieser angesehene Mann ihm nicht weiterhelfen konnte?

Einunddreißig Minuten nachdem die Praxistür von Dr. Berkowitz für immer hinter im zugeschlagen worden war, fragte Woody sich, wie ihm diese Schallplatte wohl seine Fragen beantworten konnte. Bei vermutlich jedem anderen wäre diese Frage ein Ausdruck von Neugier gewesen. Bei Woody war es ein Ausdruck von Nervosität. Irgendwie brauchte er sie, um glücklich zu sein. Nein, nicht gerade glücklich. Eher: Lebendig. Beziehungsweise vielmehr: Nicht tot. Ob man wohl nervös sein konnte, wenn man tot war?

Es wurde langsam grau und dunkel, als er sein Appartement betrat. Das gefiel ihm schon besser. Wenn es grau und dunkel war, fühlte er sich nicht ganz so schlecht. In punkto Dunkelheit verband er größte Hoffnungen mit dem Tod. Und er benötigte nur die Farbe grau, um sich das auszumalen. Darüber hinaus benötigte er einen neuen Therapeuten. Auf eine Flasche Mineralwasser neben dem Bett konnte er schlecht verzichten. Aber schon um einiges besser als auf einen Therapeuten.

Er verbrachte einen großen Teil des Abends damit, das Telefonbuch nach Psychotherapeuten zu durchforsten. Doch welche Praxis hatte am Halloweenabend noch geöffnet? Er machte sich schwere Sorgen, wie man sich vorstellen kann. Glücklicherweise war er noch im Besitz der Privatnummern einiger ehemaligen Therapeuten. Sie waren ja so leichtsinnig.

Also rief er seine Expsychater an, versicherte ihnen, daß er sich geändert habe und bettelte um eine neue Chance. Doch natürlich waren sie viel zu klug, um noch einmal auf ihn hereinzufallen, womit sich das Studium schon gelohnt hatte. Und so rief Woody seinen Agenten an, der nie studiert hatte, und erzählte ihm von Tod. Woody`s Agent hatte zwar nie studiert, war aber natürlich trotzdem schlau, denn sonst hätte er es nicht so weit gebracht und beendete unter einem Vorwand das Gespräch. Woody dachte nach. Er sehnte sich nach einer Frau, die über genug Komplexe verfügte, um ihn von seinen eigenen abzulenken. Die rauchend neben ihm im Bett lag und nicht einfach auflegen konnte. Er duschte, machte sich einen Drink und sah sich eine widerliche Talkshow an. Kurz: Tat alles, um sich die mysteriöse Schallplatte nicht anhören zu müssen.

Es war jetzt 23.27 Uhr und es ereignete sich folgendes: a) Woody wurde schließlich von der Nervosität übermannt (der Autor hatte etwas nachgeholfen, indem er jedes Geräusch außer dem Ticken der Küchenuhr aus Woody`s Appartement entfernte) b) Woody legte die Schallplatte auf und c) diese Geschichte wechselt ihren Erzählstil.

Woody sitzt in seinem Wohnzimmersessel und hört sich die Platte an, die Berkowitz ihm gegeben hat. Rauschend läuft sie an. Eine eigenartige, rhythmische Melodie erfüllt die Wohnung. Woody bemerkt nicht, wie das Ticken der Uhr verstummt. Woody, der eine Menge von Musik versteht, beginnt, den Takt der Musik nervös auf der Armlehne des Sessels zu trommeln. Eines jedoch versteht er nicht: Was soll diese Stück mit seinen Fragen rund um den Tod zu tun haben? Vielleicht muß man die Schallplatte irgendwie rückwärts ablaufen lassen…

Er kann ja nicht ahnen, was sich zu dieser Zeit auf dem New Yorker Zentralfriedhof abspielt. Denn dort wird durch die Musik etwas geweckt. Etwas, daß lange geschlummert hat. Etwas steigt dort aus seinem Grab. Aus einem Grab, auf dessem Grabstein steht: „Für Joe“.

Und es, dieses Ding – man kann nur annehmen, daß es sich um den untoten Joe handelt – macht sich auf den Weg. Stapft untot durch totes Laub. Mürrisch. Unaufhaltsam. Einer Melodie folgend, die nur er und ein gewisser Mr. Allen zu hören vermag. Diese lang vergessene Melodie. Sein Weckruf. Keiner nimmt Notiz von dem entschlossen auf sein Ziel zuschlurfenden Leichnam. Unglaubwürdig für Sie?

Waren Sie schon mal in Manhattan? Nein? Nun, die Bevölkerung dort ist abgebrüht. Sie ist hart drauf und seltsame Anblicke gewohnt. Ganz gleich, wie weit fortgeschritten die Verwesung ist. Ganz besonders am Broadway. Unbemerkt wie ein viel zu schwerer Schatten.

Stapfend hallen Joe`s schwere Schritte durchs Treppenhaus.

Es klopft. Nervös springt Woody auf. Ausgerechnet jetzt, wo er zu ergründen versucht, welche Geheimnisse das Todes diese Schallplatte zu offenbaren vermag. Hastig entriegelt er das Sicherheitsschloß und blickt unvorbereitet auf Joe`s verwesende Gestalt. Joe`s leere Augenhöhlen gelingt es zwar nicht, Woody böse anzufunkeln; ebensowenig, wie es seinen nicht vorhandenen, aber umso verfaulenderen Zähnen das gelingt. Und dennoch ist er ein furchterregender Anblick.

Dann beginnt der Untote zu sprechen. „Enchulligen Sie. Würden Chie dach auchchallten?“

Woody: „Was?“

Joe: „ Muchiek ausch, bitte!“

Woody wird urplötzlich klar, dass ein Toter vor ihm steht. Leider fällt ihm in diesem Moment nicht ein, was er immer schon über den Tod wissen wollte. Also fragt er: „Was?“

Joe, der zu Lebzeiten berüchtigt dafür war, nicht viele Worte, aber umso schneller die Geduld zu verlieren, stößt den bekannten Hollywoodregiesseur beiseite, stapft auf den Plattenspieler zu und reißt den Plattenarm von der Scheibe.

Woody: „Was tun Sie denn da? Jetzt hat sie einen Kratzer!“

Joe: „Ach ja?“

Er zerbricht die Schallplatte ein zwei Hälften. Dann läßt er erst die eine Hälfte zu Boden fallen und trampelt auf ihr herum, bis sie in tausend Stücke zersplittert ist und wiederholt dies mit der zweiten Hälfte. Irgendwann ist er damit fertig.

„Ich will nur chlafen!“ brüllt er Woody an. Er verläßt das Appartement.

Der Untote sieht Woody eine zeitlang untot an, stinkt verwesend herum und verschwindet. Müde stapft er von dannen. Mit einem mal wird Woody alles klar. Er ist jemandem begegnet, der im Tod lebt Aufgeregt stürzt er ins Treppenhaus. Doch er hört nur noch Joe`s schlurfende Schritte im Treppenhaus.

„Hey Mister“ brüllt Woody.

Die Schritte verstummen. Eine Pause entsteht. „Ja?“

Woody: „Wieviel kostet eigentlich ein Telefonat aus dem Jenseits?“

„Nah- oder Ferngespräch?“

Woody stutzt…gab es dort denn auch Nahgespräche? „Fern.“

Eine Denkpause. Dann: „ 232. 187. 00 €. Die Minute. Außer samstags. Da ist`s billiger.“ Dann klappte die Haustür zu.

Billig ist das ja nicht, denkt sich Woody. Er putzt sich die Zähne, zieht sich seinen Pyama an und stellt seinen Wecker. Wenn ich morgen sterbe, denkt er,  könnte ich mir 53 Anrufe leisten. Viel ist das nicht. Naja. Muß ich eben samstags telefonieren. Vielleicht doch gar nicht so schlecht, am leben zu sein.

Wie es heißt, hat Woody Allen lange nicht mehr so gut geschlafen, wie nach dieser Nacht.

Ende

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3 Gedanken zu “Joe

  1. Hat dies auf Meine Erlebnisse im Altenheim rebloggt und kommentierte:
    Heute ist Halloween und Gruselgeschichten passen gut zu diesem Tag, der eigentlich aus dem katholischen Teil Irlands stammt:

    original: Wikipedia: Halloween wurde ursprünglich nur in katholisch gebliebenen Gebieten der britischen Inseln gefeiert, vor allem in Irland, während die anglikanische Kirche am Tag vor Allerheiligen die Reformation feierte. Von dort kam es mit den zahlreichen irischen Auswanderern im 19. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten und gehörte zum Brauchtum dieser Volksgruppe. Aufgrund seiner Attraktivität wurde es bald von den anderen übernommen und entwickelte sich zu einem wichtigen Volksfest in den Vereinigten Staaten und Kanada

    Als ich diese Geschichte bei uliwood.wordpress.com las, dachte ich: ‚Die muss ich an Halloween retweeten!‘

    Sie ist gruselig aber irgendwie auch sehr humorvoll! Eine klasse Geschichte!

    Gefällt 1 Person

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